Einige Anmerkungen …

Das Neue Testament – jüdisch erklärt

Anregend und weiterführend sind die Essays auf ca. 240 der insgesamt 912 Seiten. Sie behandeln die Geschichte, die Gesellschaft, die Glaubenspraxis, jüdische Literatur in neutestamentlicher und rabbinischer Zeit und Reaktionen auf das Neue Testament auf jüdischer Seite. Kurz: Das ist lesenswert!

Und dennoch ist dies ein merkwürdiges Buch. Es will eine „genuin jüdische Auslegung und Erläuterung des Neuen Testaments“ sein, so die Herausgeber (S. XV). Dazu ist es allerdings nur wenig hilfreich.

Ärgerlich ist das, was vor den Essays steht. Es will „Auslegung“ sein. Doch diese Auslegung steht nur im Kleingedruckten unterhalb der Lutherübersetzung. Warum eigentlich? Die Lutherübersetzung steht doch in jedem Bücherregal! Wozu ist es nötig, hier überhaupt eine Übersetzung abzudrucken? Nun ist natürlich für Wichtiges kein Platz mehr. Zum Beispiel:

Zu Mt 28,1-10 wird verwiesen auf mJev 16,3; jMQ 3,5/82b; bSan 90b-91a; bSchab 151b; BerR 100; Sem 8,1; 1QS 3,20; 1QM 13,9-10; Jos.Bell. 2,158.163; 3,374; Ant. 10,277-80; 16,397-98. Bei Mt 28,16-20 lese ich „Vgl. ActPil 14,1“ (Pilatusakten).

Anstatt die Lutherübersetzung abzudrucken wäre es sinnvoll gewesen, die erwähnten Stellen aus den jüdischen und altchristlichen Schriften zu zitieren. Offensichtlich erwarten die Herausgeber, dass die Leserinnen und Leser dieses Buches alle diese Schriften in ihrer Hausbibliothek zur Verfügung haben und all diese Stellen nachschlagen können. Da lobe ich mir doch noch den alten „Strack-Billerbeck“, da ich weder den babylonischen noch den Jerusalemer Talmud zu Hause habe.

Die Auslegungen und Erläuterungen lassen mitunter auch mehr Fragen offen, als sie beantworten. Zum Beispiel wird zum „Logos“ im Johannesprolog (Joh 1,1-18) mit dem Verweis auf die (nicht zitierte) Stelle „Philo leg.all. 3,175“ behauptet: Der Logos „deutet auf die personifizierte Weisheit hin“ (S. 187). Die Weisheit als ein möglicher Hintergrund – das mag ja richtig sein. Doch die Frage ist, warum hier eben nicht sofia steht, sondern logos. Die kurze Erläuterung auf S. 750 ist da alles andere als befriedigend.

Und die Einführungen in die neutestamentlichen Schriften wiederholen mitunter nur Allgemeinplätze christlicher Exegese. Ist das also wirklich eine „genuin jüdische Auslegung und Erläuterung des Neuen Testaments“? Mehrfach wird z.B. in der Einführung zum Johannesevangelium auf „Fachleute“ verwiesen. Dies soll offenbar die Autorität des Geschriebenen stützen. So sei z.B. nach der Meinung von „Fachleuten“ (S. 181) sei die „Erwähnung des Ausschlusses aus der Synagogengemeinschaft (Joh 9,33; 12,42; 16,2)“ erst in einer späteren Phase möglich gewesen. Jedoch: Hatte nicht auch Paulus derartige Erfahrungen gemacht? Wurde nicht Stephanus während einer innerjüdischen Auseinandersetzung umgebracht? So ist die Folgerung, dass „Fachleute“ (!) „oft von der äußeren Bezeugung des Textes ausgehen“ müssen, wenn es um die Datierung geht. Doch die Argumentation mit den ältesten Handschriften (Papyrus 52) ist nicht seriös, denn auch die Paulusbriefe wären nach diesem Maßstab (!) erst Ende des 1. Jahrhunderts entstanden – wenn es bei diesen Briefen nicht andere Kriterien für eine Datierung gäbe.

Ergebnis: So „dürfte“ (!) „es mehrere Jahrzehnte gedauert haben“, bis das Johannesevangelium von Kleinasien „nach Ägypten gelangen konnte“ (S. 181). Hier wird mit einer langen Zeitspanne gerechnet, obwohl sich doch die Missionsreisen von Paulus und dem Ägypter Apollos (aus Alexandrien) innerhalb nur weniger Jahren abgespielt haben. Dies zeigt, dass die in christlicher Exegese („Fachleute“!) verbreitete Spätdatierung einfach übernommen und mit diesem „dürfte“ sehr dürftig begründet wird, obwohl die Argumentation in sich unlogisch ist und – wenn man sie umfassend betrachtet – auf sehr schwachen Beinen steht.

Auch bei den Ausführungen über das Thema „Das Johannesevangelium und der Antijudaismus“ wäre ein wenig mehr Differenzierung nötig gewesen. „Die brutalen Sätze des Johannes über ‚die Juden‘“ sind halt nicht nur einfach „als Teil des Selbstvergewisserungsprozesses des Autors“ zu verstehen (S. 185). Hintergrund der Auseinandersetzung mit „den Juden“ im Johannesevangelium sind vielmehr die vielschichtig verlaufenden Trennungsprozesse der Jesus-Anhänger von der jüdischen Synagoge. Waren „die Juden“ wirklich „die Erzfeinde Jesu und seiner Jünger“ (S. 180)? Die johanneische Bemerkung, dass das „Heil“ (wörtlich: die „Rettung“) „von den Juden“ kommt (Joh 4,22), ist ebensowenig eine Nebensächlichkeit wie die Bemerkung, dass Jesus ein Jude („Ioudaios“) ist (Joh 4,9).

Schade, dass sich dieses Buch nicht auf die Essays beschränkt hat.

14.10.2022

Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Wolfgang Kraus, Michael Tilly, Axel Töllner (Hg.), Stuttgart 2021

P.S.: Der „Strack-Billerbeck“ ist ein mehrbändiges Werk, zu dem es bis heute keine Alternative gibt. (Das „Neue Testament – jüdisch erklärt“ hätte die Chance gehabt!) Es zitiert (!) jüdische Parallelen zu den biblischen Texten der neutestamentlichen Bücher vom Matthäusevangelium bis zur Johannesoffenbarung. Das ist hilfreich, wenn man nicht den babylonischen und Jerusalemer Talmud zu Hause hat:
Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, von Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, München 1922-1926. 
Weniger umfangreich ist:
Religionsgeschichtliches Textbuch zum Neuen Testament, NTD Textreihe, Göttingen 1987.