So zwischenrein stelle ich Beobachtungen auf diese Seite, die mir bei der Bibel-Lektüre aufgefallen sind. Es sind kleine Anmerkungen, also „Biblische Brosamen“. Brosamen sind also Krümel, die vom reich gedeckten Tisch Jesu herunter fallen und die ich dankbar aufschnappe.

Das Wort „Brosamen“ ist sprachlich nicht mit Brot verwandt. Es kommt vom althochdeutschen Begriff brōs[a]ma (mittelhochdeutsch: brōs[e]me). Es gehört zum indogermanischen „bhreus“ und zum altenglischen brosnian oder brysan (englisch: to bruise), deutsch: „zerfallen“. „Brosamen“ bedeutete ursprünglich etwa „Zerriebenes“ oder „Zerbröckeltes“. Davon abgeleitet ist „Brösel“ (mittelhochdeutsch: brōsemlīn) und „zerbröseln“. Im Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm streuen die Kinder Brosamen, um aus dem Wald wieder herauszufinden.

Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.“ (Joh 13,21)

„Als nun Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass Jesus verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohepriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe unschuldiges Blut ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache. Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.“ (Mt 27,3-5).

Amos Oz (in: Jesus und Judas. Ein Zwischenruf, Ostfildern 1989, S. 38-40):

Jesus spricht am Kreuz „diese entsetzlichen, diese, wenn man so will, gotteslästerlichen Worte: ‚Warum hast du mich verlassen?‘ Er sagt nicht ‚Vater‘ oder ‚mein Vater‘, er sagt ‚mein Gott‘. So oft hat Jesus Gott als Vater angesprochen – doch nicht jetzt. Jetzt ruft er: ‚Gott, o mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘

Er stirbt am Kreuz, und Judas erkennt, dass man ihn eines unausdenkbar schrecklichen Vergehens anklagt: Er hat seinen Herrn getötet. Er hat seinen Lehrer getötet. Er hat seinen Rabbi getötet. Er hat seinen besseren Bruder getötet. Er hat das Licht des Lebens getötet. Er hat seinen Gott getötet. Er hat den Menschen getötet, den er auf Erden am meisten geliebt hat. Er hat einen Menschen getötet, den er mehr geliebt hat als seine Mutter und seinen Vater, und er hat ihn getötet, indem er zu viel von ihm verlangt hat, indem er die sofortige Erlösung verlangt hat, indem er das Kommen des Himmelreichs am nächsten Tag, in der nächsten Stunde, im nächsten Augenblick verlangt hat. Und da geht er hin und erhängt sich.

Dies ist die Theorie von Schmuel Asch – die alternative Geschichte. Ist es vielleicht wirklich so gewesen in Jerusalem, an jenem furchtbaren Freitag? Ich weiß es nicht; ich hatte damals einen Zahnarzttermin. Ich war nicht dort. Aber ich kann sagen, dass diese Geschichte zumindest meiner unmaßgeblichen Meinung nach überzeugender klingt als die unmögliche, widerliche, erbärmlich schlecht geschriebene Geschichte von jenem Kuss und den Silberlingen und dem Verrat und dem Gottesmord.“

Jesus trägt Judas „nach Hause“ – ?

Jesus trägt wie ein Hirte das verletzte oder verlorene Schaf den toten Judas – und bringt ihn nach Hause. – Diese Darstellung zeigt ein Säulenkapitell aus dem 12. Jahrhundert in der Kathedrale Sainte Marie-Madeleine in Vézelay (Burgund). „Judas und der gute Hirte“ könnte dieses Bild heißen.

Links sieht man Judas mit aufgerissenen Augen und weit heraushängender Zunge, verzweifelt, hilf- und wehrlos am Strick an einem Baum hängen. Er hat sich – „verstrickt“ in seine Schuld – selbst getötet. Er wusste nicht mehr aus und ein. Er war verzweifelt. Er hatte sich getäuscht.

Rechts ist zu sehen, wie jemand den toten Judas vom Baum nimmt und auf seine Schultern gelegt hat. Nun trägt er ihn – wie ein Hirt das verletzte oder verlorene Schaf – und bringt ihn nach Hause.

Papst Franziskus hat auf dieses Kapitell von Vézelay schon mehrmals in seinen Predigten auf den jungen Mann, auf Jesus, hingewiesen, der Judas auf den Schultern trägt. „Die Barmherzigkeit ist ein Geheimnis, sie ist das Geheimnis Gottes“, sagte Papst Franziskus mit Blick auf Judas.

Das Kapitell fällt aus dem Rahmen und ist in der Kunstgeschichte einzigartig. Die romanische Basilika zusammen der ganzen Stadt Vézelay im französischen Burgund sind Weltkulturerbe. Nicht nur das Ensemble von Dom und Häusern, auch Details wie die Kapitelle der Kirche sind weltberühmt.

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

Haben wir Frieden? Mit Gott? Tatsächlich?

„Was Paulus schreibt, klingt doch ein wenig zu sicher, zu unrealistisch.“ – So dachten sich Leute schon wenige Jahre, nachdem Paulus seine Feder beiseite gelegt hat. Leute nämlich, die diesen Brief abgeschrieben und „kopiert“ haben, damit er vielen Menschen und Gemeinden bekannt würde. Sie glaubten dem Paulus nicht recht und änderten den Wortlaut in eine Aufforderung um: Aus „Wir haben Frieden mit Gott!“ machten sie: „Lasst uns Frieden mit Gott halten!“

Im Griechischen ändert sich da nur ein Buchstabe, und plötzlich klingt alles ganz anders: Ein kurzes „o“ (ein Omikron) wurde zu einem langen „o“ (einem Omega).

Manche Exegeten meinen, das sei auf einen Hörfehler beim Diktieren zurückzuführen. Da könnte man leicht ein langes „o“ anstelle eines kurzen „o“ hören. Doch da haben sie es sich wohl zu leicht gemacht. Denn in dieser anderen Schreibweise steckt ja auch ein anderer Sinn. Und der wird doch wohl bewusst und absichtlich geändert.

Vergleichbar ist Kol 1,19-20: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm [Jesus Christus] wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat (!) am Kreuz durch sein Blut.“ (Einheitsübersetzung). S.a. Jes 32,17: „Und das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit für ewig.“

„Lasst uns Frieden mit Gott halten!“ – Das war der Anfang der Moralpredigten und der Konjunktiv-Theologien. Mit so einer Aufforderung „Lasst uns Frieden mit Gott halten!“ bleibt die Radikalität von dem auf der Strecke, was Paulus geschrieben hat. Und seine heilende und befreiende Wirkung auch.

Das ist die Erinnerung des Apostels. Das ist das Aufatmen, das dem Paulus so richtig abzuspüren ist nach den langen vorherigen Kapiteln, in denen er mühsam argumentiert hatte, abgewogen und begründet und erörtert. Jetzt schreibt er:

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird!“ (Röm 5,1f.)

Das ist das Evangelium! Gott lädt ein. Paulus macht Appetit drauf: Aufs Aufatmen, aufs Durchatmen. Das Evangelium ist eben kein frommer Wunsch. Und keine Moralpredigt. Deshalb steht es nie im Konjunktiv, sondern immer im Indikativ. So Paulus: Wir haben Frieden mit Gott und haben Zugang zu dieser Gnade! Glückliche Folgerung:

„Nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,39). 

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Eine Geschichte, die nicht im Evangelium steht:

Christus hatte seine Jünger um sich versammelt und sagte zu ihnen: „Heute machen wir eine Wanderung. Jeder nehme einen Stein auf und komme dann mit.“ Alle Jünger gehorchten und suchten sich einen schönen großen Stein, nur Petrus nicht. Er hob einen kleinen Kieselstein auf, den er bequem in die Hosentasche stecken konnte. Die Wanderung dauerte einen ganzen Tag. Die Jünger kamen durch die Last des Steins schön ins Schwitzen. Nur Petrus nicht, denn er hatte an seinem Kieselstein nicht viel zu tragen.

Gegen Sonnenuntergang kamen sie an den See von Galilea. Jesus sagte zu ihnen: „Jetzt wollen wir eine kräftige Mahlzeit zu uns nehmen. Bringt eure Steine her und ich werde sie in Brote verwandeln.“ Die Jünger taten, wie Jesus gesagt hatte, und hatten alle genug zu essen. Nur Petrus nicht. Seine Kieselsteinration Brot war nur etwas für den hohlen Zahn.

Einige Tage später wollte Jesus wieder eine Wanderung machen und sagte: „Heute ist wieder Wandertag. Ein jeder von euch nehme einen Stein und komme mit.“ So nahm also jeder Jünger einen mittelgroßen Stein. Nur Petrus nicht. Diesmal riss er ein halbes Gebirge ab. Der Felsbrocken war so groß, dass Petrus eine Hebelstange zu Hilfe nehmen musste, um ihn überhaupt von der Stelle zu bewegen. Die Wanderung war anstrengend. Petrus schwitzte und mühte sich mit seinem Felsbrocken ab.

Am Abend machte Jesus unter einem großen Baum Rast und rief seine Jünger zu sich. Alle waren da. Nur Petrus nicht. Er kam einige Zeit später mit seinem Felsbrocken an. Jesus und die Jünger warteten auf ihn. Als auch Petrus angekommen war, sagte Jesus: „Nun bringe jeder seinen Stein.“ Die Jünger gehorchten. Jesus betrachtete die Steine der zwölf Jünger, sah dann den Felsbrocken, den Petrus herbeigeschafft hatte, und sagte: „Petrus, das ist ein guter Fels, mit dem du dich abgemüht hast. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Alle waren gerührt, nur Petrus nicht. Der rief: „Nein! Das solltest du besser nicht tun. Du solltest keine Kirche auf meinen Felsen bauen! Du solltest ihn in Brot verwandeln.“

Jesus hatte Mitleid mit Petrus, verwandelte den Felsbrocken in Brot, speiste damit die Jünger und noch die 5000. Nachdem alle gesättigt waren, nahm er die Steine der elf anderen Jünger, klebte sie zusammen und baute darauf seine Kirche. Und das ist der Grund, warum die christliche Kirche in so viele verschiedene Kirchen aufgespalten ist. – Sie wurde auf einem zusammengestückelten Felsen gebaut.

nach: Frederik Hetmann, Märchen des Schwarzen Amerikas, Frankfurt 1976.

Kaiser Menelik II. (1844 – 1913) war König von Shewa (1865 – 1889) und Kaiser von Äthiopien (1889 – 1913). Titel dieser Kaiser war Neguse Negest (König der Könige). Menelik II. aß, immer wenn er krank war, ein paar Seiten aus der Bibel. Er war überzeugt, dass er dadurch geheilt würde. 1913 starb er an einem Schlaganfall beim Versuch, das ganze Buch zu verspeisen. Eine andere Überlieferung sagt, er starb, als er gerade das Buch der Könige (!) aß.

Vielleicht hat er einfach nur etwas durcheinandergebracht. Die Mönche der frühen Kirche, die „Wüstenväter“ wiederholten oft einfach Worte der Schrift. Und zwar so lange, bis diese Worte in ihr Herz vorgedrungen waren. Die monastische Tradition nennt das „ruminatio“ (Wiederkäuen). Wieder und wieder murmelten und rezitierten sie bestimmte Abschnitte der Heiligen Schrift. Sie führten sie im Munde wie eine Speise, die lange und gründlich gekaut werden will.

Dorothee Sölle sagte: „Esst die Psalmen. Jeden Tag einen.“ Ja. Einer genügt. Oder ein Teil davon, denn manche Psalmen sind sehr lang. Oder ein einziger Bibelvers pro Tag. Zum Beispiel ein Wort aus den Herrnhuter Losungen. Oder auch nur ein Bibelvers für eine ganze Woche.

Wichtig ist: Nicht zu viel auf einmal. Weniger ist besser. Wer zu viel von einer Speise isst, der kann sie nicht mehr würdigen. Die Sensibilität für den Geschmack nimmt bei einem „Zuviel“ ab. Deshalb sind in exklusiven Restaurants die Mahlzeiten auch „übersichtlich“.

Worte der Bibel können, wenn sie das Herz erreichen, immer noch und immer wieder neue Nuancen entfalten. Auch altbekannte Texte oder einzelne Worte. Die entfalten dann ihren ganz eigenen Geschmack. Der ist manchmal überraschend, manchmal erfrischend, manchmal überwältigend. Und diese Worte nähren die Seele. Das Aroma von Gottes Wort kann dem Leben einen guten Geschmack geben.

So sagt‘s der Psalm (119,103-105*):
„Dein Wort ist in meinem Mund süßer als Honig.
Dein Wort macht mich klug.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“

„Brosamen von des Herren Tisch“ – kurz: „Brosamen“ – war eine christliche Zeitschrift, die wöchentlich in der Zeit von 1888 bis 1965 in der Schweiz erschienen ist. Herausgegeben wurde sie von der „Evangelischen Gesellschaft“ des Kantons Bern. Gegründet wurde sie von Franz Eugen Schlachter, der vor allem durch seine Bibel-Übersetzung („Schlachter-Bibel“) auch über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt geworden ist. Der Titel „Brosamen von des Herren Tisch“ spielt an auf die Begegnung von Jesus mit einer Frau aus Syrophönizien (Mk 7,24-30), hier in der Übersetzung der „Schlachter-Bibel“:

Und er brach auf von dort und begab sich in die Gegend von Tyrus und Zidon und trat in das Haus, wollte aber nicht, dass es jemand erfuhr, und konnte doch nicht verborgen bleiben.
Denn eine Frau hatte von ihm gehört, deren Tochter einen unreinen Geist hatte, und sie kam und fiel ihm zu Füßen – die Frau war aber eine Griechin, aus Syrophönizien gebürtig –, und sie bat ihn, den Dämon aus ihrer Tochter auszutreiben. Aber Jesus sprach zu ihr:
„Lass zuvor die Kinder satt werden! Denn es ist nicht recht, dass man das Brot der Kinder nimmt und es den Hunden hinwirft!“
Sie aber antwortete und sprach zu ihm:
„Ja, Herr; und doch essen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder!“
Und er sprach zu ihr:
„Um dieses Wortes willen geh hin; der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“
Und als sie in ihr Haus kam, fand sie, dass der Dämon ausgefahren war und die Tochter auf dem Bett lag.

Eine faszinierende Geschichte! Jesus betritt zum ersten Mal ein heidnisches Haus und wollte nicht, dass sich das herumspricht. Er lässt sich von einer Frau aus Syrophönizien, die hier wohnt, überreden, ihre Tochter zu heilen. Denn sie argumentierte überaus klug. Jesus antwortete auf ihre Bitte hin sehr überaus ruppig, dass man das, was dem Volk Israel zusteht, nicht den Heiden geben soll: Man soll doch das Brot nicht den Hunden hinwerfen, wo doch die Kinder zuerst Nahrung brauchen. Er bezeichnet die Heiden also tatsächlich als Hunde. Doch sie war clever. Sie nahm das Bild von den Brosamen auf und sagte: Nein, wegnehmen will es ja niemand. Doch die Hunde leben von dem, was unabsichtlich neben und unter den Tisch fällt. Wo es genug zu essen gibt, muss doch nicht auf jeden Brosamen geachtet werden! Diese Frau drehte die Argumentation von Jesus um. Sie war hartnäckig und beharrlich – und hatte Schlagfertigkeit und Humor. Und Jesus ist beeindruckt und akzeptiert, was sie sagt, und er heilt ihre Tochter.