Die Kirche – ein sinkendes Schiff

Anregungen aus dem neuen Buch von Tomáš Halík: „Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens“

„Wenn Gott jetzt den normalen Ablauf der Welt und der Kirche erschüttert hat – wozu fordert er uns auf, wozu wird er uns dadurch einladen? … Vielleicht will er uns auch dadurch, was wir jetzt erleben, die Augen für vieles öffnen, was wir nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten.“

„Viele lokale Kirchen, die einmal sehr lebendig und blühend waren, sind untergegangen. Viele Gestalten der Kirche sterben im Verlauf der Geschichte. Ich bin davon überzeugt, dass wir etwas Ähnliches auch heute erleben. Ich kann mich von dem Gedanken nicht befreien, dass die leeren und geschlossenen Kirchen an diesem Osterfest [2020] ein prophetisches Warnzeichen darstellen: So könnte es bald mit der Kirche enden, falls sie nicht eine tiefe Verwandlung, einen Tod und eine Auferstehung durchläuft, falls sie nicht den Mut haben wird, viele Dinge sterben zu lassen, damit das Neue, Erneuerte zum Leben auferstehen kann. Es betrifft viele Aspekte und Gestalten der Kirche und ihrer Theologie, ihres Begreifens und der Verkündigung des Glaubens.

Es scheint mir, dass die Maßnahmen, mit denen heute die Kirche in unserem Teil der Welt den schon lange anhaltenden Prozess des Wenigerwerdens der Gläubigen abbremsen will – das Zusammenlegen von Pfarrgemeinden, der Import von Priestern aus dem Ausland –, nur das ‚Hin- und Herschieben der Liegestühle auf der Titanic‘ ist.

Eine Gestalt des Christentums, der Kirche, des Glaubens, der Theologie, an die wir uns gewöhnt haben, sinkt unaufhaltsam in die Vergangenheit. Keine Flucht in die Welt der prämodernen Sicherheiten, in eine Welt, die es nicht mehr gibt, wird die Kirche retten, aber genauso wenig eine billige ‚Modernisierung‘, die die Religion für die gegenwärtige Unterhaltungsgesellschaft attraktiver machen soll. Ich weiß nicht, was die großen emotionalen religiösen Shows in den überlaufenen Megakirchen Nord- und Lateinamerikas mit dem Evangelium gemeinsam haben.

Wenn ich die gegenwärtige Gestalt der Kirche mit einem sinkenden Schiff verglichen habe, dann ist es notwendig zu sagen, dass dieses Schiff trotz allem weiterhin riesige Schätze mit sich führt, die gerettet und umgeladen werden müssen – nicht in eine andere Kirche, sondern in eine andere Gestalt der Kirche. …

Tomáš Halík

Wie der heilige Augustinus betonte: Die Kirche ist semper reformanda, sie muss ständig reformiert werden. … Die jetzige Erneuerung der Kirche kann sich nicht nur auf die Erneuerung der Strukturen ausrichten (auch wenn diese Erneuerung gleichermaßen notwendig und erforderlich ist), sondern ihre Priorität muss die Erneuerung des Glaubens sein und eine Erneuerung des Begreifens, Durchdenkens und der Ausdrucksformen des Glaubens beinhalten – der Ausdrucksformen der Predigt, der Theologie, der Spiritualität, der Kunst und der gesellschaftlichen Praxis der Gläubigen. Und ich wiederhole noch einmal: Ich bin überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist.

Der religiöse Kindheitsglaube, egal, ob er spontan aus psychologischen Erfahrungen mit den Eltern geboren oder aus der Erziehung durch Eltern oder Schule übernommen wurde, muss einmal ‚sterben‘, eine tiefe Transformation durchlaufen, damit aus ihm ein reifer, erwachsener Glaube wird, der in der heutigen Welt bestehen kann.“

Auszüge aus: Tomáš Halík, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Freiburg 2021, S. 77.97-100.

Tomáš Halík (geb. 1948) wurde 1978 heimlich zum Priester geweiht und war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomášek und Václav Havel. Er ist Professor für Soziologie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag.