Etty Hillesum

(geboren am 15. Januar 1914 in Middelburg (Niederlande), ermordet am 30. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Aus den Tagebüchern von Etty Hilesum:

3. Juli 1942, Freitagabend, halb 9. Es ist wahr, ich sitze noch am selber Schreibtisch, aber mir ist, als müsste ich unter all das Vorangegangene einen Strich ziehen und in einem neuen Ton weiterschreiben. Man muss seinem Leben eine neue Gewissheit einverleiben und ihr einen Platz einräumen: Es geht um unseren Untergang und unsere Vernichtung, darüber sollte man sich keinerlei Illusionen mehr machen. Man will unsere völlige Vernichtung, damit muss man sich abfinden, und dann geht es wieder. …

Gut, diese neue Gewissheit, dass man unsere totale Vernichtung will, nehme ich hin. Ich weiß es nun. Ich werde den anderen mit meinen Ängsten nicht zur Last fallen, ich werde nicht verbitten sein, wenn die anderen nicht begreifen, worum es bei uns Juden geht. Die eine Gewissheit darf durch die andere weder angetastet noch entkräftet werden, Ich arbeite und lebe weiter mit derselben Überzeugtheit und finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll, auch wenn ich mich das kaum noch in Gesellschaft zu sagen getraue.

Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgungen, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes Ganzes, und ich nehme alles als ein Ganzes hin und beginne immer mehr zu begreifen, nur für mich selbst, ohne es bislang jemandem erklären zu können, wie alles zusammenhängt. Ich möchte lange leben, um es später doch noch einmal erklären zu können, und wenn mir das nicht vergönnt ist, nun, dann wird ein anderer mein Leben von dort an weiterleben, wo das meine unterbrochen wurde, und deshalb muss ich es so gut und so überzeugend wie möglich weiterleben bis zum letzten Atemzug, sodass derjenige, der nach mir kommt, nicht ganz. von neuem anfangen muss und es nicht mehr so schwer hat.

22, Juli, 8 Uhr morgens. Gott, gib mir Kraft, nicht nur geistige, auch körperliche Kraft. Ich will es dir in einem schwachen Augenblick ehrlich eingestehen: Wenn ich aus diesem Haus fortmuss, weiß ich keinen Rat mehr. Aber ich will mir keinen Tag vorher Sorgen darüber machen. Nimm also diese Sorgen von mir weg, denn wenn ich sie zu allem anderen auch noch tragen muss, dann könnte ich ja kaum mehr leben. …

Und darum bin ich so dankbar: dass ich nicht im Geringsten verbittert und nicht voller Hass bin, sondern dass in mir eine große Gelassenheit herrscht, die keine Gleichgültigkeit ist, und dass ich diese Zeit bis zu einem gewissen Grade sogar verstehen kann, so sonderbar das auch klingen mag! Wenn man die Menschen verstehen kann, kann man auch diese Zeit verstehen, sie ist ja durch uns Menschen zustande gekommen.

23. September. „Und doch bringt uns das Hass nicht weiter, Klaas, die Dinge sind in Wirklichkeit ganz anders, als wir sie uns in unseren gekünstelten Schemen vorstellen. … Es ist die einzige Möglichkeit, Klaas, ich sehe keinen anderen Weg, als dass jeder von uns Einkehr hält in sich selbst und all dasjenige in sich ausrottet und vernichtet, was ihn zu der Überzeugung führt, andere vernichten zu müssen. Wir müssen durchdrungen sein von dem Gedanken, dass jeder Funken Hass, den wir zu der Welt hinzufügen, sie noch unwirtlicher macht, als sie ohnehin ist.“ Und Klaas, der alte, verbissene Klassenkämpfer, sagte entrüstet und erstaunt zugleich: „Ja, aber das – aber das wäre ja wieder das Christentum!“ Und ich, über so viel plötzliche Verwirrung amüsiert, sagte ganz gelassen: „Ja, warum eigentlich nicht – Christentum?“