Nimm und lies – tolle lege

Augustinus von Hippo (* 354, † 430, Bischof und Kirchenlehrer) berichtet aus der Zeit, als er noch nicht wusste, wohin sein Lebensweg führen sollte:

„Und siehe, ich höre da aus dem benachbarten Hause die Stimme eines Knaben oder eines Mädchens in singendem Tone sagen und öfters wiederholen: „Nimm und lies, nimm und lies.“ Sogleich veränderte sich mein Gesichtsausdruck, und aufs angestrengteste begann ich nachzudenken, ob etwa die Kinder bei irgendeinem Spiele etwas Derartiges zu singen pflegten, aber ich entsann mich nicht, jemals solches gehört zu haben. Da stand ich auf. Ich konnte mir doch keine andere Erklärung geben, als dass eine göttliche Stimme mir befehle, die Schrift zu öffnen und das erste Kapitel, auf das ich gestoßen, zu lesen. Denn ich hatte von Antonius gehört, dass für ihn bestimmend gewesen sei eine Stelle im Evangelium, auf die er zufällig gestoßen war, gleich als ob ihm die Worte gälten: „Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach“ (Mt 19,21) – und dass er sich auf diesen Ausspruch hin sogleich zu dir bekehrt habe. Daher kehrte ich eiligst zurück und öffnete die Schrift und las für mich das Kapitel auf das zuerst meine Augen fielen:

‚Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Streit und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesu Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.‘ (Röm 13,13f.).

Ich wollte nicht weiter lesen, es war auch nicht nötig; denn bei dem Schlusse dieses Satzes strömte das Licht der Sicherheit in mein Herz ein, und alle Zweifel der Finsternis verschwanden.“

(Augustinus von Hippo, Confessiones VIII 12,29).

Später entfaltete Augustinus seine theologische Lehre, wobei der Römerbrief eine zentrale Rolle spielen sollte.