Die Zeit der leeren Kirchen (Tomáš Halík)

Es scheint mir, dass die Maßnahmen, mit denen heute die Kirche in unserem Teil der Welt den schon lange anhaltenden Prozess des Wenigerwerdens der Gläubigen abbremsen will – das Zusammenlegen von Pfarrgemeinden, der Import von Priestern aus dem Ausland –, nur das „Hin- und Herschieben der Liegestühle auf der Titanic“ ist. …

Wenn ich die gegenwärtige Gestalt der Kirche mit einem sinkenden Schiff verglichen habe, dann ist es notwendig zu sagen, dass dieses Schiff trotz allem weiterhin riesige Schätze mit sich führt, die gerettet und umgeladen werden müssen nicht in eine andere Kirche, sondern in eine andere Gestalt der Kirche. In jedem geschichtlichen Augenblick nehmen wir teil an einer der vielen Gestalten der Kirche. Die Kirche Christi ist anwesend (theologisch gesagt: „subsistiert“) in ihren vielen historischen Gestalten, sie kann jedoch mit keiner Gestalt vollständig identifiziert werden. Wie der heilige Augustinus betonte: Die Kirche ist semper reformanda, sie muss ständig reformiert werden. …

Die jetzige Erneuerung der Kirche kann sich nicht nur auf die Erneuerung der Strukturen ausrichten (auch wenn diese Erneuerung gleichermaßen notwendig und erforderlich ist), sondern ihre Priorität muss die Erneuerung des Glaubens sein und eine Erneuerung des Begreifens, Durchdenkens und der Ausdrucksformen des Glaubens beinhalten – der Ausdrucksformen der Predigt, der Theologie, der Spiritualität, der Kunst und der gesellschaftlichen Praxis der Gläubigen. Und ich wiederhole noch einmal: Ich bin überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist.

Der religiöse Kindheitsglaube, egal, ob er spontan aus psychologischen Erfahrungen mit den Eltern geboren oder aus der Erziehung durch Eltern oder Schule übernommen wurde, muss einmal „sterben“, eine tiefe Transformation durchlaufen, damit aus ihm ein reifer, erwachsener Glaube wird, der in der heutigen Welt bestehen kann. Diejenigen, die sich gegen das Reifen im Glauben wehren, zitieren gewöhnlich die Worte Jesu darüber, dass wir wie die Kinder sein sollen. Jesus hat uns aber mit dieser Aussage nicht zur Infantilität aufgefordert, dazu, dass wir Kinder bleiben, sondern dazu, dass wir in ihrer Offenheit, Arglosigkeit, Spontaneität und Lernfähigkeit wieder den Kindern ähnlich werden.

(Tomáš Halík, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Freiburg 2021, S. 98-100*)
Tomáš Halík (* 1948) ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.